Schüler sprechen über tabuisierte Themen
Kurz vor den Sommerferien konnten die Schülerinnen und Schüler der 8c am Würzburger Röntgen-Gymnasium besondere Erfahrungen in ihren Deutschstunden sammeln: Sie hatten Besuch von den „livebooks“.
Dabei handelt es sich um lebende Bücher, mit denen über eher schwierige Inhalte gesprochen werden kann. Die livebooks erzählen authentisch und aus erster Hand ihre meist schicksalhafte oder vorurteilsbehaftete Lebensgeschichte, dazu gehören Angststörungen oder Süchte und andere in unserer Gesellschaft tabuisierte Themen.
Im Jahr 2017 wagte der Förderverein Wärmestube e.V. mit seinem Projekt „livebooks“ seinerzeit Neues in Würzburg. In Anlehnung an das Konzept der „Human Library“ funktioniert es wie eine klassische Bibliothek. Menschen leihen sich ein Buch aus und lesen es – nur, dass hier die Bücher echte Menschen sind! Das Prinzip: Miteinander statt übereinander reden, um Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Mit Menschen in Kontakt kommen, denen man sonst nie begegnen würde.
Diese Idee der menschlichen Bibliothek hatte vor 25 Jahren Ronni Abergel in Kopenhagen: Besucher sollen in einem festgelegten Rahmen Gespräche mit Menschen führen, die sich wie die Bücher in einer Bibliothek für bestimmte Themen öffnen. Die Freiwilligen gehören Gruppen der Gesellschaft an, denen oft mit Vorurteilen begegnet wird.
Zusammen mit den Würzburger livebooks baute nun Heike Glückert, die Deutschlehrerin der 8c am Röntgen-Gymnasium, dieses Konzept so gut wie möglich in ihren Unterricht ein und bereitete Gesprächsräume in drei Klassenzimmern vor. Jede Gesprächsgruppe hatte 20 Minuten Zeit, sich mit ihrem Buch auszutauschen. Dabei waren alle Fragen an die menschlichen Bücher erlaubt. Erwartet wurde lediglich ein respektvoller Umgang. Die lebendigen Bücher, die sich zur Verfügung gestellt haben, berichteten über Drogen und -Alkoholsucht, Bisexualität und Outing sowie Depressionen. Neben dem reinen Informationsgehalt solcher Gespräche erfüllen die livebooks auch noch weitere wertvolle Ziele: Sie bauen Vorurteile und Hemmschwellen gegenüber fremden Menschen ab. Zudem können sie den gegenseitigen Respekt und das Verständnis füreinander fördern. Sie verdeutlichen auch, dass sich immer Auswege und Lösungen finden lassen. Zu guter Letzt setzen sie der Ausgrenzung und Diskriminierung etwas entgegen. Voraussetzung für den Erfolg der Human Library ist natürlich, dass man – im Gegensatz zur gewöhnlichen Bibliothek – hier laut und respektvoll miteinander spricht.
Text: Heike Glückert
Foto: Heike Glückert